Jetzt muss ich mich aber langsam in Acht nehmen: Ich nehme zusehends an Blogparaden teil. O.o Aber naja: Bei einer solchen wie Projekt 42 konnte ich einfach nicht widerstehen. Ähnlich wie bei Projekt 52 wird einem ein Thema vorgegeben – jedoch „nur“ monatlich und nicht um zu fotografieren, sondern um (spontan!) zu schreiben. Na denn: Wollen wir doch mal mit vollem Karacho beginnen und zwar mit dem Begriff Käfer.
Der Schlüssel
Lisa ging die Strasse entlang, im Wintermantel eingehüllt, die Arme dicht um den Körper geschlungen, die Mütze tief im Gesicht hängend, durch den immer höher werdenden Schnee, stampfend, die Augen gesenkt. Dann eine kurze Pause vor der Kreuzung, um den Knopf für den Fussgängerstreifen zu drücken, ein kurzes Aufblicken, dunkle Augen mit weissen Punkten drin, Reflektionen des Schnees. Darauf wieder Bewegung, durch den Schnee, wie unendlich erscheinend.
„Hey, du da vorne! Mit der weissen Mütze!“
Lisa drehte sich um. Ein junger Mann lief ihr entgegen, Schnee überall, auf der Jacke, auf den Jeans, im Schal verhangen. Sein Atem setzte kleine Wölkchen frei, welche um seinen Kopf tanzten.
„Ist das dein Schlüssel?“
„Nein. Kenne ich nicht, ist nicht meiner.“
„Oh. Ich dachte bloss…weisst du, der Schlüssel muss gerade erst verloren gegangen sein und naja, du bist die einzige Person hier und darum…“
„Dachtest du, der Schlüssel gehöre mir. Das ist doch ein Autoschlüssel, oder? Naja, aber ich bin noch etwas jung fürs Auto fahren, oder nicht?“, lachte Lisa.
„Naja, ähm, weiss nicht?“
„Ich bin 16.“
„Siehst aber viel älter aus, weisst du das?“, meinte der junge Herr.
„Echt? Hm, das freut mich. Aber ich muss jetzt eigentlich echt weiter.“
„Wohin gehst du? Ich, ich könnte dich begleiten, ich muss auch in die Richtung.“
„Gerne, ja, ist in Ordnung. Ich bin auf dem Weg zu meiner Grossmutter. Sie ist krank. Irgend so einen Käfer hat sie sich eingefangen, aber die Ärzte wissen noch nicht genau, was es ist. Sie muss gepflegt werden und jemand muss darauf achten, dass sie die Antibiotika nimmt.“
Das alles sagte sie in einem Atemzug, als wäre es einfacher darüber zu sprechen, wenn man es schnell hinter sich brachte.
„Oh, ähm, ja, danke, dass du mir das erzählt hast…“
„Ja, warum nicht? Weisst du, es macht mir das Leben nicht schwererer oder einfacher, wenn ich mit jemandem darüber rede. Ich meine: Es bleibt ja doch alles genauso, wie es immer war und wird sich nicht von einem Moment auf den anderen verändern, oder?“
„Hm“, nickte er.
„Wie heisst du überhaupt? Oder Sie?“
„Nein, du ist schon okay. Ich bin der Markus.“
„Lisa.“
Er lächelte sie an und sagte, das sei ein schöner Name. Sie staksten noch einige Zeit zusammen durch den Schnee, erzählten sich von der Schule oder von der Arbeit, er sprach von einem Buch, welches er gerade erst gelesen hatte und Lisa nicht kannte, ein Buch über einen Jungen, der mit seinem Hund zusammen die Weltmeere besegelt hatte. Lisa hörte geduldig zu, auch wenn es sie eigentlich gar nich so interessierte. Zuhören war sie sich gewohnt.
„Gefällt dir die Geschichte? Ich könnte dir das Buch mal vorbeibringen. Also, wenn du Lust hättest.“
„Nein, lieber nicht. Danke“, sagte Lisa und lächelte Markus dabei entschuldigend an, „Ist nicht ganz mein Geschmack. Du, hör mal, da vorne wohnt meine Grossmutter.“
„Ahja. Nun…es war wirklich sehr interessant, sich mit dir zu unterhalten.“
„Was machst du mit dem Schlüssel?“
„Schlüssel? Ach, der Schlüssel! Den hatte ich ja vollkommen vergessen. Ich weiss nicht. Bist du dir sicher, dass er nicht dir gehört?“
„Ja.“
„Hm.“
„Ach, gib mir ihn, ich bring ihn dann später zur Polizei, die ist ganz in der Nähe von meinem zu Hause.“
„Ja, das ist gut.“
„Ja.“
„Sehen wir uns wieder?“, rutschte ihm heraus.
Sie lächelte ihn an, neige den Kopf etwas zur Seite und entgegnete ihm: „Von mir aus gerne. Aber wie? Also, wie bleiben wir in Kontakt?“
„Sagen wir Samstag im Kaffeehaus an der Hauptstrasse, das kennst du bestimmt, oder?“
„Ja, ist okay, so um zwei Uhr? Ich erzähl dir dann, was aus dem Schlüssel wurde, ja?“
„Ja gerne.“
*****
„Hallo Lisa.“
„Hey Markus. Wie geht’s dir?“
„Ganz gut, dir?“
„Auch so. Du, das glaubst du nie, weisst du was das für ein Schlüssel war?“
„Nein? Erzähl!“
„Nun, also als wir da uns getrennt haben, bin ich ja zu meiner Grossmutter hoch, oder. Habe sie gepflegt und alles und dann sitzen wir immer noch etwas zusammen und essen ein Stück Kuchen oder trinken eine Tasse Tee. Dann habe ich ihr vom Schlüssel erzählt und ihn ihr gezeigt. Und weisst du, was sie gemacht hat, als sie ihn gesehen hat? Aufgeschrien hat sie und mir in einer Aufregung erzählt, das sei der Schlüssel, den sie vor Jahren verloren hatte, der Schlüssel zu ihrem alten Käfer in der Garage. Seit Jahren nicht mehr gefahren. Wir sind dann natürlich sofort in die Garage, also ich, sie darf ja nicht zu weit gehen und habe den Schlüssel ausprobiert und tatsächlich – er hat gepasst!“
Markus hatte die ganze Zeit zugehört, der Gesichtsausdruck von Satz zu Satz ungläubiger.
„Echt? Aber, das ist doch eigentlich unmöglich, ich mein, der lag ganz frisch da und, also, ich meine…“
„Naja, ist doch eigentlich auch egal. Sie möchte dich gerne kennenlernen und dir danke sagen. Ich habe sie auch gefragt, wie das sein könne, aber sie hat nur gemeint, manchmal sei es ganz gut, nicht alles zu wissen.“
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